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  314. Anfrage vom 20.1.2010

 Anfragen  ::   314. Anfrage vom 20.1.2010


Ich muss mich zwischen zwei Jobangeboten entscheiden, und das unter Zeitdruck. Soll ich auf Sicherheit gehen oder das Risiko wählen?

Ich arbeite zur Zeit in einem mittelständischen Unternehmen, in dem das Arbeitsklima äußerst angespannt ist, Mobbing zur Tagesordnung gehört und man mir keine interessanten Aufgaben zuteilt bzw. solche aus der Hand reißt. Bei Entscheidungen und Dikussionen werde ich außen vor gelassen. Gespräche mit Chef und Kollegen haben zu keiner Verbesserung geführt.

Die schärfste Konkurrenzfirma sucht nun Mitarbeiter, die Arbeiten dort wären sehr interessant, aber ich muss dort zum Probearbeiten hin. Die Gefahr ist jedoch, dass durch eine undichte Stelle im neuen Unternehmen mein Vorhaben an meinen aktuellen Arbeitgeber gerät, und das wäre für ihn Hochverrat. D.h. die Situation am aktuellen Arbeitsplatz könnte sich weiter anspannen. Nun habe ich ein weiteres Angebot bekommen, auf das ich mich gar nicht beworben habe. Die Arbeit wird weniger abwechslungsreich sein und auf dem Papier wird es vermutlich wie ein Rückschritt aussehen, weil ich ja zukünftig im Lebenslauf nicht das Mobbing angeben möchte. Allerdings sollte ich zumindest mehr Befugnisse haben als jetzt und die Stelle wurde mir schon direkt zugesagt. Dieser Arbeitgeber möchte sehr schnell eine Entscheidung, und zwar noch bevor ein relativ gefahrloses Probearbeiten beim anderen, interessanteren Arbeitgeber möglich wäre. Wie soll ich mich verhalten bzw. was soll ich dem interessanteren Arbeitgeber sagen, damit evtl. später noch eine Chance bei ihm hätte, auch wenn ich vielleicht das sichere Angebot wahrnehme?

Ich könnte entweder das etwas langweiligere, aber dafür sichere Angebot wählen oder auf Risiko gehen und dem langweiligen absagen, dann hinterher beim interessanteren Probearbeiten, und evtl. ohne neuen Job dasstehe, was nervlich nicht mehr lange auszuhalten ist.
Soll ich dem interessanteren Arbeitgeber von dem neuen Angebot und dem Zeitdruck erzählen? Ich habe bisher niemandem von dem Mobbingproblem erzählt.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Zeitdruck bei der Entscheidung, Termine kaum koordinierbar.

Die Antworten der Coachs:

Jörg Middendorf: Aufgrund von Konflikten, Spannungen und Mobbing den Arbeitsplatz zu wechseln ist bestimmt nicht besonders angenehm. Auf der anderen Seite sind Sie offenbar in der glücklichen Lage, dies tatsächlich tun zu können. Andere können es nicht und "müssen" erst krank werden, bevor sich etwas ändert.

Aus Ihrer Anfrage entnehme ich, dass Sie sich vor einer Entweder-Oder-Endscheindung wähnen: Arbeit beim Job, der wahrscheinlich weniger spannend ist oder warten und auf Probe arbeiten, mit dem Risiko, dass aus dem interessanteren Job nichts wird. Bevor Sie sich für das ein oder andere entscheiden, wäre es vielleicht interessant, weitere Optionen durchzuspielen. Die Entscheidung zwischen zwei Alternativen ist in der Regel eine Falle (gerne genutzt in der Verkaufsrhetorik), um von attraktiveren Möglichkeiten oder Auswegen abzulenken.

Also... am besten setzen Sie sich dazu mit einem Freund zusammen und fangen an zu spinnen... Genau, möglichst kreativ und ohne Schere im Kopf schauen, welche Möglichkeiten es gibt. Finden Sie soviel Alternativen wie möglich, naheliegende und abwegige. Nach einer Zeit fallen einem dann keine neuen Optionen mehr ein. Warten Sie dann noch ein wenig, denken weiter nach und... nach einiger Zeit fallen Ihnen und Ihrem Freund weitere Möglichkeiten ein. Erst danach fangen Sie an, die verschiedenen Möglichkeiten kritisch zu bewerten. Was könnte gehen? Was wäre schwierig aber möglich? Was geht nicht und wieso nicht?

Diskutieren Sie alles in Ruhe aus, lassen es ein, zwei Tage liegen und schauen Sie dann noch einmal auf die möglichen Alternativen, bevor Sie sich entscheiden. Als Einstieg fang ich schon mal mit dem Aufzählen von Möglichkeiten an, Sie können dann ja mit Ihrem Freund weitermachen. Damit ich nicht immer von langweiligem und interessanteren Job sprechen muss, nenne ich sie mal Job A und Job B:
  • Job A nehmen und fertig. Hauptsache weg!
  • Jobanfang bei A hinauszögern (zur Not Gründe vorschieben, Urlaub etc.) und auf jeden Fall bei B Probearbeiten.
  • Job A nehmen und die Probezeit nutzen, dass heißt in der Zeit ggf. etwas anderes suchen, wenn der Job doch nicht passt (Probezeit ist ja für beide Seiten gedacht)
  • B von der Situation erzählen (ohne Schuldzuweisungen) und versuchen, um die Probearbeit herumzukommen oder zeitlich so zu gestalten, dass sie machbar ist
  • Job A nehmen unter der Bedingung, dass man eine Woche in der Probezeit frei bekommt (weil man einer langfristigen Verpflichtung nachkommen muss...) und während dieser Zeit zur Probe bei B arbeiten.
  • Selbstständig machen (im aktuellen Beruf oder etwas ganz anderes)
... und nun sind Sie an der Reihe! Viel Erfolg!


Detlef Schmidt: Vielen Dank für Ihre Schilderung, der ich entnehme, dass Sie eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten sehen:
  1. Sie wechseln von Ihrem aktuellen Arbeitgeber A zu Arbeitgeber B, der die Interessanteste aller Tätigkeiten verspricht, bei dem Sie aber noch zum Probearbeiten antreten müssen mit ungewissem Ausgang.
  2. Sie wechseln zu Arbeitgeber C, der zwar nicht mit so interessanten Tätigkeiten aufwarten kann, dafür aber Ihnen bereits zugesagt hat.
Nun wissen Sie nicht, wie Sie sich verhalten sollen.
Ich kann Ihnen Ihre Entscheidung natürlich weder abnehmen noch Ihnen zu einer der möglichen Varianten raten. Aber ein paar Ideen, wie Sie zu einer für Sie guten Entscheidung kommen können, biete ich Ihnen nachfolgend an:

Zu einer Entscheidung gehört, im Vorfeld die zu erwartenden Folgen zu bedenken und zwar sowohl die erwünschten als auch die unerwünschten – für B und C natürlich jeweils eigenständig bedacht. Das beginnt bspw. bei einem eventuellen Weiterbildungsbedarf für die neue Tätigkeit über die zu erwartenden Fahrtzeiten zur Arbeit bis hin zu der Frage, welche Auswirkungen die neue Tätigkeit – z.B. wegen anderer Arbeitszeiten als bisher - auf Ihre sozialen Beziehungen (Familie, Freunde, Sportverein usw.) hat.
Es ist hilfreich, dieses schriftlich festzuhalten, ggf. auf losen Zetteln, die somit auch hin-und-her geschoben und z.B. nach Wichtigkeit sortiert werden können.

Dazu - und ebenfalls schriftlich zu erledigen - ist die Vergegenwärtigung der eigenen Entscheidungskriterien: Was soll meine Entscheidung für mich bringen? Welches sind meine damit verbundenen Ziele? Solche Ziele können z.B. persönliche Entwicklungschancen sein, mehr Personalverantwortung zu tragen oder mehr Zeit für die Familie zu haben.
Wenn Sie anschließend Ihren Entscheidungskriterien die jeweils zu erwartenden Folgen inhaltlich zuordnen, ist es gut möglich, dass Sie bereits klar sehen, in welche Richtung Ihre Entscheidung gehen wird ( Beispiel: Ihr wichtigstes Entscheidungskriterium heißt "mehr Zeit für die Familie", zugeordnete Folgen sind "Arbeitsweg zu B = 30 min. Autofahrt" und "Arbeitsweg zu C = 10 min. Fußweg").
Und schließlich: Was sagt Ihr Bauch? Entscheidungen, die gegen das innere Bauchgefühl getroffen werden, werden im Nachgang nicht selten bereut.

Noch ein paar Fragen bzw. Gedanken: Was wissen Sie von den Arbeitgebern B und C? Wie ist deren Unternehmenskultur? Passen Sie da hinein? Womöglich kommen Sie vom Regen in die Traufe! Von Mobbing und der Kultur bei A würde ich weder bei B noch bei C etwas erzählen, das macht sich nicht gut. Und bei B oder C vom jeweils anderen Angebot zu berichten – na, ich weiß nicht recht, das kann auch kräftig nach hinten losgehen. Ihr neuer Chef will sicherlich hören, dass Sie Feuer und Flamme für seine Firma sind. Er will sicher nicht hören, dass Sie sich noch nicht so recht entscheiden können und ggf. nach ein paar Wochen sowieso wieder gehen werden.

Eines noch: zwar unerwünscht, aber trotzdem möglich ist ja die Variante, dass weder B noch C klappen, Sie also zunächst bei A verbleiben (müssen). Da wäre es gut, auch auf diese Variante vorbereitet zu sein.
Ich wünsche Ihnen eine gute Entscheidungsfindung und hoffe, dass Ihnen meine Anregungen dabei behilflich sind.


Marion Mirswa: Vielen Dank für Ihr entgegengebrachtes Vertrauen, mit dem Sie Ihre Situation und Ihr Entscheidungsdilemma hier schildern. So wie ich Ihre Anfrage verstehe, sehen Sie im Moment drei Entscheidungsoptionen:
  1. Sie bleiben da, wo sie sind, mit der berechtigten Befürchtung, das "nervlich nicht mehr lange auszuhalten";
  2. Sie nehmen das "etwas langweiligere doch sichere Angebot" an, auf die Gefahr hin, im Lebenslauf eine Erklärungslücke zu haben;
  3. Sie verzichten auf die sichere Option und gehen zum Probearbeiten zu einem Mitbewerber mit der Option auf eine interessantere Stelle, doch auf die Gefahr hin, dass Ihr bisheriger Arbeitgeber davon erfährt und Ihnen kündigt.
Hier einige Überlegungen dazu:
Option 1 (Sie bleiben da, wo Sie sind): Was wäre gut, wenn Sie weiter am jetzigen Arbeitsplatz blieben? Wie würde es in sechs Monaten, in einem Jahr und in drei Jahren aussehen? Wer würde davon profitieren? Wie groß wäre das Risiko, dass Ihnen die Puste ausgeht? Wie hoch ist Ihr momentaner Druck?
Vielleicht wollen Sie sich dazu einen Drehzahlmesser vorstellen: unten ist der Bereich zum Warmlaufen, dann kommt die mittlere Betriebstemperatur und anschließend der rote Bereich. Bei welcher Drehzahl würden Sie Ihre Betriebstemperatur derzeit einstufen? Wie weit sind Sie noch vom roten Bereich entfernt? Also wie dringlich ist es, zu handeln?

Option 2 (das sichere jedoch langweiligere Angebot): Sie schreiben, es würde vermutlich wie ein Rückschritt wirken - Worin genau bestünde der Rückschritt? Andererseits hätten Sie wohl mehr Befugnisse - Welche wären das konkret? Sind diese im Arbeitsvertrag festgehalten? Es hängt sicherlich von Tätigkeit und Funktion ab, wie stark sich diese Befugnisse auswirken. Als Job-Coach erfahre ich immer wieder, wie eine Wechselmotivation durchaus positiv erklärt werden kann - alles hat mindestens zwei Seiten. Es ist eine Frage der Sichtweise und Argumentation - das Glas kann halbleer oder halbvoll sein. Wie klar können Sie mit diesem neuen Arbeitgeber die Arbeitsplatzbeschreibung regeln? Welche Entwicklungspotenziale schlummern in diesem Unternehmen? Liegen Ihnen genügend Informationen über dieses Unternehmen und das Betriebsklima vor oder können Sie sich noch welche beschaffen - beispielsweise über Kontakte, Social-Networks wie Xing oder über Bewertungsforen für Arbeitgeber? Hier kann ein persönliches Coaching hilfreich sein.

Option 3 (Probearbeiten und Ihre Frage "Soll ich dem interessanteren Arbeitgeber von dem Angebot und dem Zeitdruck erzählen?"): Da sind einige Fragen offen, beispielsweise wie und mit wem Sie in diesem Unternehmen verhandeln. Ein vertrauliches Gespräch mit dieser Person oder einer personal-verantwortlichen Person könnte mehr Klarheit schaffen. Dabei sollten Sie die Vertraulichkeit gegenüber Ihrem jetzigen Arbeitgeber ansprechen und auch klären, wie die Risiken des Probearbeitens zu minimieren sind.
Zum Probearbeiten selbst wären weitere Informationen nötig. So hängt es vom Beruf und der genauen Tätigkeit ab, ob und in welcher Form Probearbeiten angemessen wäre.

Hier ist eine Methode, wenn Sie Ihre Argumente strategisch sammeln und vergleichen möchten, um etwas mehr Klarheit zu gewinnen: Nehmen Sie diese drei Optionen und sammeln zu jeder Option alles, was Ihnen dazu einfällt - jeweils getrennt als Einzelpunkte auf Karteikarten. Ordnen Sie diese in drei Spalten (Option 1,2,3) an und bringen Sie die Punkte in eine Priorität. Dann sehen Sie sich das Ergebnis mit Abstand an. Vielleicht kristallisieren sich noch weitere Optionen heraus:
Beispielsweise könnten Sie 2 und 3 verbinden, indem Sie sich für das sichere Angebot entscheiden und mit dem interessanten Arbeitgeber in Kontakt bleiben, eventuell doch Probearbeiten. Haben Sie Resturlaub, den Sie vor dem Wechsel in Anspruch nehmen und zum Probearbeiten nutzen können? Wie groß wäre dabei das Risiko?

Ich habe noch folgende Anmerkungen: Sie beschreiben am Anfang relativ extrem und verwenden Formulierungen wie "aus der Hand reißt, schärfste Konkurrenzfirma, undichte Stelle oder Hochverrat."
Dabei frage ich mich: Wäre es klug, zum Mitbewerber zu wechseln und was spricht generell dafür, was dagegen? Ist in Ihrem Job Probearbeiten üblich? Sind die Termine tatsächlich kaum terminierbar? Und würde weniger Zeitdruck die Entscheidung tatsächlich erleichtern oder zeigen die Zeichen darauf, dass es Zeit wird, etwas zu ändern?

Sie beschreiben Ihre momentane Situation als eine Mobbing-Situation.
Mobbing ist sehr heikel und fällt auch heute noch negativ auf den Gemobbten zurück. Insofern wäre die Frage, was Sie sich für einen Gefallen täten, würden Sie von Mobbing erzählen. Ihre Vorsicht ist durchaus berechtigt. Doch Mobbing ist extrem belastend und birgt die Gefahr längerfristiger gesundheitlicher Probleme oder Schäden. Sie können nicht davon ausgehen, dass sich das Problem von alleine löst, sondern dass Ängste zurückbleiben und Sie vielleicht in einem neuen Job "Flöhe husten hören". Dies wäre sicherlich gut beim Arzt, bei einer anonymen Mobbingberatung oder bei den gewerkschaftlichen Mobbing-Anlaufstellen aufgehoben. Je nach persönlicher Verfassung und Dauer der belastenden Situation wären ein begleitendes persönliches Coaching oder eine therapeutische Behandlung sinnvoll. Für sinnvoll halte ich auch ein persönliches Coaching bei einem Neustart - eventuell für die ersten 100 Tage im neuen Job. Ich hoffe, dass meine Überlegungen in Ihrem Entscheidungsprozess hilfreich sind und wünsche Ihnen viel Erfolg.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 

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