| 313. Anfrage vom 4.1.2010 |
Wie kann ich meine berufliche Zukunft als Coach gestalten? Brauche ich ein Psychologie-Studium?
Mein momentanes Thema ist mein beruflicher Start als Coach. Passiert ist, dass ich nach guter Ausbildung und 10 Jahren Arbeit in der Wohnungswirtschaft in 2004 "ausgestiegen" bin – unter dem Motto; "Da draußen" muss es noch etwas geben!?!“ Nach einer langen Suche - auch im Ausland - habe ich es im "drinnen" – in mir selbst - gefunden. Meine Coachingausbildung bei endet jetzt im Januar und ich möchte als Coach leben und arbeiten. In der zeitlich begrenzten Begleitung von Menschen finde ich einerseits die Abwechslung und anderseits die Befriedigung, nach der ich lange gesucht habe.
Neben der Bestätigung im Inneren darf ich in zunehmenden Maße die Bestätigung meines Talents als Coach von außen (Klienten, Ausbilder) erfahren.
Ich habe es erlebt als eine lange, letztlich ermüdende Suche mit der Hoffnung mit der Ausbildung zum Coach endlich anzukommen. Zwischenzeitlich glaube ich – wieder energetisiert und motiviert, dass ich auch insbesondere durch die ausbildungsbedingte Selbstreflexion gerade erst loslaufe und sich mir erst diverse Tore geöffnet haben… was ich nicht als Problem erachte, sondern eher der eigene Anspruch sorgsam und achtsam damit umzugehen.
Ich möchte mit meinem Wirken als Coach eine materielle und ideelle Übereinstimmung meines Handelns erreichen. Mein Ziel ist es ein guter – ja unter Beachtung meines Talents bestmöglicher Coach zu sein.
Meine zentrale Frage ist: Wie finde ich meinen individuellen Coachingsansatz, um eine optimale materielle und ideelle Übereinstimmung meines Handelns zu erreichen? Ggf. liegt darunter die Frage: Soll ich mich dafür zum Diplom-Psychologen ausbilden lassen?
Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Das größte Hindernis für eine gute Lösung kann nur ich selbst und (noch) vorhandene Zweifel sein. Ich bin von Haus aus Dipl.-Kfm. und habe die Ausbildung zum Systemischen Berater so gut wie in der Tasche. Die Coachingausbildung war für mich erfüllend – ist jedoch nicht offiziell zertifiziert. Meine Überlegungen gehen dahin, mich neben der bereits angeschobenen kollegialen Beratung und Supervision weiter zu qualifizieren – als Dipl.-Psychologe, um dem (von mir indizierten) Anspruch von außen gerecht zu werden.
Mein Lebensmittelpunkt ist Leipzig. Mit dem spirituellen Ansatz von Conzendo treffe ich im atheistischen Osten der Republik nicht immer auf offene Ohren. Im Moment nehme ich alles mit, was kommt – ich coache (auch erfolgreich) alles und jeden, um Erfahrungen zu sammeln (insbesondere Gründungscoaching, JobPate, Führungskräftecoaching). Es fällt mir schwer, angesichts der vielen offenen Tore mich auf eine bestimmte Art von Coaching festzulegen. Nur allein vom Coaching soll man nicht leben können und so möchte ich im nächsten Schritt als Dozent (BWL, Immobilienwirtschaft, Coaching/Personal, Vertrieb) Fuß fassen.
Daneben verdiene ich auch noch meinen Lebensunterhalt als Immobilienmakler. Die Aufgabe dieser Tätigkeit/Standbeines steht mir bevor und dies lässt mich innehalten bzw. Ihnen diese Anfrage zu senden. Herzlichen Dank für Ihre sicherlich praxiserfahrenen Hinweise und Meinungen.
Die Antworten der Coachs:
Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre Anfrage, die wahrscheinlich die meisten Teilnehmer zahlreicher Coaching-Ausbildungen gut nachvollziehen können: "Wie kann ich meine berufliche Zukunft als Coach gestalten?" Zuerst einmal denke ich, dass es sehr realistisch ist, die berufliche Zukunft nicht nur auf das Thema Coaching aufzubauen. Wie Sie vielleicht aus den Umfrageergebnissen der jährlichen Coaching-Umfrage Deutschland wissen, arbeiten die meisten professionellen Coachs in Deutschland zu einem Drittel ihrer Zeit als Coach und zu zwei Drittel als Therapeut, Berater, Trainer, Mediator, Organisationsentwickler, usw., da Coaching nicht das beste Geschäftsmodell hat, um davon leben zu können (Bei Interesse lesen Sie bitte die entsprechenden Artikel zu den Coaching-Umfragen auf meiner
Homepage).
Wenn man sich nun über seine berufliche Perspektive als Coach Gedanken macht, sollte man sich also über seine berufliche Perspektive als Ganzes Gedanken machen. Und da die Menschen in der Regel damit am erfolgreichsten sind, was sie am besten können, wäre es ein guter Start, sich genau damit differenziert auseinander zusetzen. Wo liegen Ihre Stärken, welche Kompetenzen und Erfahrungen haben Sie gesammelt? Worin und zu welchen Themen können Sie "unter Beachtung [meines] Ihres Talents ein bestmöglicher Coach [zu] sein." Wer kann Ihnen zu diesen Themen Feedback geben? Schauen Sie sich also an, was Sie können, was Sie wollen und überlegen dann, für wen diese Qualitäten hilfreich wären.
Sie schreiben, dass Sie in der Begleitung von Menschen Abwechslung und Befriedigung finden. Wo genau kommt diese Befriedigung her? Welches grundlegende Motiv von Ihnen wird damit befriedigt? Was ist Ihre ureigenste Mission? Und wenn Sie Antworten auf diese Fragen gefunden haben, können Sie auch darüber nachdenken, wie dieses Grundmotiv oder Ihre Mission noch durch andere Tätigkeiten erfüllt werden könnte, die dann vielleicht die zwei Drittel Ihrer Tätigkeit neben dem Coaching ausmachen können.
Schließlich ist da noch die Bestimmung möglicher Zielgruppen für Ihre Tätigkeiten. Wer hat am meisten von meinen Tätigkeiten? Ist der Nutzen so klar formuliert, dass Menschen Ihre Tätigkeiten einfach und schnell nachfragen können? Sie sehen, dass die Entwicklung einer beruflichen Perspektive durchaus vergleichbar ist mit eine Art Marketinganalyse für ein gutes Produkt: Was kann das Produkt (also ich als Berater)? Wo ist der Kundennutzen? Wie sieht die Zielgruppe aus? Wie groß ist der Markt? Etc.
Ob Sie für die weitere berufliche Perspektive eine weitere Ausbildung brauchen, hängt dann im Wesentlichen vom Ergebnis Ihrer Analyse ab. Können Sie die Bedürfnisse der Zielgruppe bereits so bedienen, dass Sie keine zusätzlich Ausbildung brauchen? Welchen Zusatznutzen mit Blick auf Ihre Zielgruppe kann welche Ausbildung stiften? Welchen Marketinggewinn versprechen Sie sich von einer zusätzlichen Ausbildung? Wie sieht die Kosten-Nutzen-Relation aus? Muss es für den erwarteten Nutzen ein Diplom sein oder reicht ein Bachelor aus? Oder helfen mir ggf. spezifischere Verfahren oder Zertifizierungen für konkrete Instrumente (z.B. MBTI, DISG, Lifo, wingwave, ...)? Die Überlegungen zu einer Zusatzausbildung sollten also immer in einen Rahmen gesetzt werden, sei es die aktuelle Zielgruppe, der für Sie relevante Markt oder eine zukünftige Zielgruppe, die Sie erreichen wollen.
Wie Sie sehen gibt es eine Menge Fragen, die mir als Reaktion auf Ihre Anfrage einfallen. Wahrscheinlich wäre es spannend für Sie, diese und weitere Fragen im Dialog mit jemanden zu besprechen. Vielleicht sogar mit einem Coach, der seine Selbstständigkeit ungefähr so gestaltet hat, wie Sie sich das auch für sich vorstellen können. Dann bekommen Sie neben den eigenen Antworten noch ein mögliches Modell frei Haus geliefert.
Viel Erfolg für Ihren weiteren Weg!
Detlef Schmidt: Beim Lesen Ihrer ausführlichen Schilderung konnte ich innerlich mehrfach mit dem Kopf nicken – und ich vermute, auch vielen Leserinnen und Lesern wird dies so ergangen sein: Nach guter Ausbildung und reichlich Berufserfahrung - in der Mitte des (beruflichen) Lebens stehend - an einem Punkt angekommen zu sein, der nach einer Veränderung ruft.
Manche scheuen sich vor der Veränderung und haben dafür sicher gute Gründe. Sie hingegen stiegen aus dem Bisherigen aus, suchten und wurden fündig: eine Ausbildung zum Coach und nachfolgend ein Leben als Coach scheint zu sein, wonach Sie gesucht hatten. Wenn dem so ist, ist das schon mal ein Gläschen Sekt wert, denn die Suche nach der erfüllenden Tätigkeit erfolgreich zu gestalten, gelingt wahrlich nicht allen Suchenden.
Nun stehen Sie kurz vor Abschluss Ihrer Coachingausbildung und sind durch das inhaltlich-fachlich Gelernte, durch Selbsterfahrung und Selbstreflexion vollgepackt mit neuem Wissen, mit Erkenntnissen und Eindrücken. Sie scharren – bildlich gesprochen – aufgeregt mit den Hufen und wollen nun endlich richtig loslegen, das Gelernte anwenden, das Sie Erfüllende ausleben. Aber plötzlich sind da Zweifel: Was ist, wenn es nicht genügend Menschen gibt, zu denen mein gelernter spiritueller Coachingansatz passt? Jedenfalls nicht genügend, um davon leben zu können? Was ist, wenn potenzielle Coaching-Kunden auf Nachfrage feststellen, dass meine Coachingausbildung nicht offiziell zertifiziert ist und sie deshalb abspringen? Sollte ich vielleicht noch eine weitere Ausbildung machen, bestenfalls inhaltlich ganz nah am Coaching, um meinen qualitativen Anspruch auch äußerlich durch ein anerkanntes Diplom dokumentieren zu können?
Sie möchten Ihren eigenen Coaching-Ansatz finden.
Ein Coaching-Ansatz – so verstehe ich es jedenfalls – ist die Grundlage, also das im Hintergrund stehende "Weltbild". Sichtbare und spürbare Ausdrucksformen des Ansatzes sind die verwendeten Methoden, die Art und Weise der Interventionen, das Auftreten, die Haltung usw. Ich sage mal kurz: der vom Kunden erlebbare Stil des Coaches.
Ich selbst bin noch nicht so alt und erfahren, als dass es mit anstünde, eigene Weisheiten zu verkünden, daher klaue ich mal eine: "Jeder Coach bekommt genau die Kunden, die zu ihm passen!" Meine Erfahrung sagt mir, dass das Finden des eigenen Stiles nichts ist, welches ich mir am grünen Tisch vornehme und dann sogleich umsetze. Sondern dass der eigene Stil das Ergebnis eines langen Prozesses ist. Nicht alle Methoden, die Sie in Ihrer Coachingausbildung gelernt haben, werden Sie auch anwenden. Weil vermutlich einige dieser Methoden nicht zu Ihnen passen. Andere erlernte Methoden werden Sie nicht 1:1 übernehmen, sondern sie auf Ihre individuellen Vorlieben hin zuschneiden oder sich aus der Fachliteratur anderer Coachingansätze Aspekte, Methoden, Stilistiken usw. aneignen. Über die Zeit hinweg wird sich so Ihr individueller Handwerkskoffer füllen und schlussendlich werden Sie – wahrscheinlich eher rückblickend – irgendwann sagen: "So etwa ab dem Jahr XY hatte ich meinen Stil gefunden!"
Jeder Ihrer Kunden, der mit Ihnen ein Coaching eingeht, passt aktuell zu Ihnen – weil diejenigen, die nicht zu Ihnen passen, sich ohnehin einen anderen Coach wählen. Und mit jedem Ihrer Kunden wachsen Sie nicht nur in Ihrer Kompetenz als Coach, sondern kommen einen Schritt weiter auf Ihrem Weg der Stilfindung.
Ob Sie noch ein Studium zum Dipl.-Psychologen brauchen? Wenn Sie meinten, im psychologischen Bereich noch viel lernen zu müssen, wäre dieser Gedanke für mich ja nachvollziehbar. Aber nur um das Diplom sichtbar im Beratungsraum aufhängen zu können? Für meine Kunden ist wichtig, dass ich eine solide Coaching-Ausbildung habe. Ansonsten folgen meine Kunden eher anderen Entscheidungskriterien: die Chemie zwischen uns muss stimmen, meine Feldkompetenz wird nachgefragt, auch meine Lebenserfahrung ist ein Kriterium oder eigene Brüche bzw. Veränderungen in der beruflichen Biographie.
Ich habe schon Aufträge bekommen, gerade weil ich kein Dipl.-Psychologe bin (wobei da sicher manch Vorurteil gegenüber Psychologen im Allgemeinen eine Rolle spielte) – und ich habe auch schon Aufträge nicht bekommen, eben weil ich kein Dipl.-Psychologe bin (da diese Anfrager ein Psychologie-Diplom des Coachs als grundlegende Voraussetzung für die Klärung Ihres Problems ansahen). So bekommt eben jeder die Kunden, die zu ihm passen...
Schlussbemerkung: Menschen sind ja unterschiedlich risikofreudig. Sie können natürlich umgehend Ihre Tätigkeit als Immobilienmakler aufgeben und sich als Coach und als Dozent in die Freiberuflichkeit stürzen. Ich vermute allerdings, dass Ihr aktueller Kontostand hierfür mehr als nur sehr gut aussehen muss. Denn sich einen Kundenstamm als Freiberufler aufzubauen, dauert seine Zeit. Gewisse Beziehungen und Netzwerke zu haben verkürzt das zwar bestenfalls erheblich, aber von Null auf Hundert funktioniert aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Ich selbst habe gute Erfahrungen mit einer zeitlich befristeten Teilzeitanstellung als Teilschritt auf dem Weg in die komplette Freiberuflichkeit gemacht. Andere sind da risikofreudiger...muss halt jeder selbst entscheiden.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren nächsten Schritten.
Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
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